Das klassische AI-Werkzeug führt perfekt aus, sobald man ihm alles vorgekaut hat. Die Vorbereitung, die es verlangt, ist genau die Denkarbeit, die es abnehmen sollte: zusammensuchen, einordnen, erklären. Am Ende hat der Mensch gearbeitet, damit die Maschine arbeiten kann.
Die Rückdelegation
Man erkennt sie an den Rückfragen. Jede Bitte um mehr Kontext ist eine Aufgabe, die das Werkzeug an seinen Nutzer zurückgibt. In keiner Metrik taucht das auf, in jedem Arbeitstag schon. Der Preis ist grösser, als er wirkt: Eine Rückfrage kostet nicht nur die Sekunden bis zur Antwort, sondern den Kontextwechsel im Kopf des Menschen, der gerade etwas anderes gedacht hat.
Ein gutes Werkzeug nimmt Arbeit ab. Ein sehr gutes nimmt die Vorbereitung ab.
Drei Entwurfsregeln
Aus dem ersten LeanCTX-Jahr sind drei Regeln geblieben. Erstens wird Kontext beschafft, bevor gefragt wird, damit das Werkzeug das Repository kennt, bevor die erste Frage fällt. Zweitens sagt es, was ihm fehlt, statt zu raten. Drittens zeigt es, was es gelesen hat, sonst beginnt die Rückdelegation von vorn, nur später und teurer.
Zur zweiten Regel gehört eine Einschränkung, die wir uns erst erarbeiten mussten. Ein Werkzeug, das nie nachfragt, rät, und Raten ist in heiklen Fällen schlechter als eine Rückfrage. Genauer lautet die Regel deshalb: Es soll nicht nach Material fragen, das es sich selbst holen kann, und es soll sehr wohl nachfragen, wenn eine Entscheidung dem Menschen gehört.
Zeigen, ohne zu überschütten
Die dritte Regel klingt nach mehr Transparenz und kippt leicht ins Gegenteil. Ein Werkzeug, das bei jeder Antwort alles ausbreitet, was es gelesen hat, erzeugt eine zweite Textwand, die niemand liest. Brauchbar wird die Regel erst mit einer Unterscheidung: Das Gelesene muss jederzeit einsehbar sein, aber nicht jederzeit sichtbar. Standardmässig genügt der Hinweis, worauf sich eine Aussage stützt. Wer nachschauen will, kommt mit einem Klick zur Stelle.
Der Unterschied entscheidet darüber, ob Vertrauen entsteht. Wer nie hineinschauen kann, muss glauben. Wer jedes Mal hineinschauen muss, arbeitet doppelt. Dazwischen liegt der Punkt, an dem ein Werkzeug prüfbar bleibt und trotzdem Arbeit abnimmt.
Warum Schnittstellen dabei helfen
Damit ein Werkzeug seinen Kontext selbst beschaffen kann, braucht es geregelten Zugang zu den Quellen. Genau dafür gibt es inzwischen Standards wie das Model Context Protocol, das die Anbindung von Datenquellen und Werkzeugen vereinheitlicht. Der Gewinn ist weniger technischer als organisatorischer Natur: Wenn der Zugang standardisiert ist, hört jedes Projekt auf, seine eigene Anbindung neu zu erfinden.
Keine der drei Regeln ist Technik. Es sind Höflichkeitsformen gegenüber der Aufmerksamkeit des Menschen, und sie sind der Grund, warum sich ein Werkzeug nach Kollege anfühlt statt nach Formular.