Thinking · Mai 2026 · Methode

Die günstigste Iteration ist die im Kopf.

Der teuerste Fehler in AI-Projekten steht selten im Code. Er steckt in der Frage, die nie aufgeschrieben wurde, bevor der Code entstand.

Code ist billig geworden. Mit AI entsteht er schneller, als man ihn lesen kann. Teuer geworden ist das Gegenteil, nämlich die Klarheit darüber, was der Code beweisen soll. Wer baut, bevor die Frage steht, bekommt keine Antwort, sondern ein Artefakt, das verteidigt werden will.

Drei Sätze vor jedem Bau

Bei uns beginnt jeder Versuch mit drei aufgeschriebenen Sätzen. Was vermuten wir? Woran würden wir merken, dass es falsch ist? Was darf der Versuch kosten? Der zweite Satz ist der wichtigste, denn eine Vermutung, die nicht scheitern kann, ist keine.

Der Gedanke ist aus der empirischen Forschung geborgt, wo man vorab festhält, was man erwartet und was die Erwartung widerlegen würde. In der Softwareentwicklung ist das ungewohnt, weil ein laufendes Artefakt immer irgendwie nach Erfolg aussieht. Genau deshalb muss das Abbruchkriterium vorher stehen und nicht nachher.

Ein Experiment darf scheitern. Eine Demo darf es nicht, und darum lernt man aus Demos wenig.

Ein Beispiel, das nicht funktioniert hat

Skimmer sollte grosse Dokumentberge schnell durchgehen und das Wichtige herausziehen. Die aufgeschriebene Vermutung war, dass ein billiger erster Durchgang die Materialmenge so weit senkt, dass der teure Schritt danach spürbar günstiger wird. Der Versuch hat sie nicht bestätigt. Der Vorlauf kostete ungefähr so viel, wie er einsparte, und inhaltlich landete das Werkzeug zwischen zwei Stühlen: zu nah an gewöhnlicher Suche, zu weit weg von einem Retrieval, das die Aufgabe kennt.

Wir haben es archiviert und den Grund aufgeschrieben. Auf dem Produktregal steht es bis heute als verworfen, weil eine Ablage, die nur Erfolge zeigt, niemandem hilft. Der Versuch war trotzdem nützlich: Er hat die Vermutung ausgeräumt und damit einen ganzen Zweig geschlossen, den wir sonst noch monatelang offen gelassen hätten.

Wozu das Kostendach gut ist

Der dritte Satz wirkt harmlos, verhindert aber den häufigsten Verlauf überhaupt: dass aus einem Versuch unbemerkt ein Projekt wird. Wir setzen das Dach in Tagen und in Franken, und wenn es aufgebraucht ist, hören wir auf und schreiben auf, wo wir stehen. Der gefährlichste Zustand ist dabei nicht das klare Scheitern, sondern das Hätte-fast-geklappt. Es liefert genug Hoffnung, um weiterzumachen, und zu wenig Beleg, um es zu rechtfertigen.

Klein bauen, früh messen

Die zweitgünstigste Iteration ist die kleinste, die laufen kann. Sie beantwortet die aufgeschriebene Frage und sonst nichts. Was sie beweist, behalten wir. Was sie widerlegt, verwerfen wir samt einer Notiz, warum. So wird das Verwerfen zu einem Ergebnis statt zu einer Niederlage.

Der Nebeneffekt ist der wertvollste Teil. Ein Regal voller beantworteter Fragen ist mehr wert als eines voller halbfertiger Produkte, weil man darauf bauen kann.

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